Steine begleiten die Menschen durch ihr Leben. Es ist der Taufstein, der das Wasser trägt, mit dem der Täufling in die Gemeinschaft gehoben wird und der Grabstein, der ihn von den Lebenden verabschiedet. Der Stein trägt Erinnerungen, in Stein wird gemeißelt, geritzt und gemalt. Die Geburt der Kunst wird mit den Fels‐ und Höhlenmalereien der vorgeschichtlichen Zeit markiert, der Stein der Weisen ist jedoch noch nicht gefunden worden: der Stein ist Wissens‐ und Geheimnisträger.
Er markiert Grenzen, geographische wie soziale: als Grenzstein und als Stein des Anstoßes.
Der Stein steht als Symbol der Unver‐rück‐barkeit und Dauer, als Zeugnis der Zeit und als Denk – Mal. Wobei die Faszination des Steins seine Zeitlosigkeit ist, dem sich der Mensch nur nachwundern kann. Wenn jemand steinalt wird, fällt er im Grunde aus der Zeit.
Der Stein ist Mahnmal für Mangel und Vergeudung.
Da kann der Mensch noch so zum Stein erweichen weinen und trauern oder Stein und Bein schwören, der Stein ist nicht korrumpierbar. Der Stein kann als Dank von Erlösung und Pein gesetzt werden, wie die Calvaires oder Pestsäulen.
Mit dem Stein verbinden wir Menschen immer einen Ort. Vielleicht ermöglicht der stumme Stein den Menschen Fixpunkte in ihrer Stammes‐ oder Sippenbiographie. In dem er unveränderbar scheint, wird durch ihn Geschichte und Veränderung erfahrbar.
Der Stein hat eine eigene Dynamik: er entzieht sich dem suchenden Blick: der Stein will gefunden werden, der kostbare Stein ist der Findling. Das ist eine völlig andere Blickrichtung als die, die das rationale Denken setzt, das permanent auf Suche geht. Damit wird der Zufall gegen das rationale Denken gesetzt, das an der eigenen Begrenzung scheitert. Im Zufall aber erleben wir eine Vision des Glücks. Im Zufall erleben wir das Heilige.
Vielleicht werden deswegen den Steinen magische Kräfte zugeordnet. Je nach Farbe und Form erscheinen sie als Glücksboten, Heilkräftige und Schützende.
Heilige Orte, haut lieux, sind von Steinen besetzt, magische Orte über und unter der Erde tragen als Zeugen immer einen Stein. Religion ohne Steine ist nicht denkbar. So gesehen ist der Stein von jeher mit der subversiven Kraft des Wunsches behaftet. Ob es die Kaaba in Mekka ist oder die Menhire von Carnac, die jüdischen oder die christlichen steingewordenen Zeugen der Geschichte. Erst im Banne des Steines, den zum umrunden oder zu berühren es gilt, liegt das Heilende und Heilige.
Der edle Stein (Edelstein) findet sich nur in Hohl‐ oder Zwischenräumen tief in der Erde. Die Vorstellung, daß das Edle vor aller Menschwerdung schon Prozessen ausgeliefert war, deren Resultat in Form und Farbe der Mensch sich nur nachwundern kann (und es ihm bei aller Naturbeherrschung noch immer nicht gelungen ist, ihn zu kopieren) macht ihn so kostbar.
Jantje Janßen
MODERN ART GALLERY
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